Matsutake Ritterlinge in Tibet 2011

Nachdruck aus: Der Tintling 68: S. 19-30, 2011

Tibet - Pilzreich
Matsutake-Ritterlinge in Tibet
Daniel Winkler

Es ist kaum ein Durchkommen durch das Eichengestrüpp an dem steilen Hang. Die stachligen Blätter der Steineichen sind schon unangenehm genug, aber immer wieder sind auch noch extrem stachlige Sophora Büsche und Berberitzen eingestreut. Ich versuche mit Karma und Ihrer Mutter Schritt zu halten, die uns in ihrem Bauernhaus zur tibetischen Version des "Urlaub auf dem Lande" aufgenommen haben. Karma und Ihre Mutter bewegen sich wieselflink durch den ungastlichen Vegetationsverhau. So hatte ich mir das Matsutake-Ritterling suchen nicht vorgestellt! Und noch hat niemand einen Pilz gefunden. Auf meine wiederholte Frage, ob wir schon im Pilzhabitat sind, bekomme ich nur unklare Antworten. Zum Glück werden die Eichen allmählich größer und die fiesen Sträucher lichten sich. Die Hangsteile hat einen großen Vorteil, die Augen sind viel näher am Boden und so kann man den Boden besser nach Pilzen absuchen. Bei Versuchen in vorherigen Jahren Matsutake in Tibet zu finden hatte ich kein Glück, zum einen gab es soviel andere aufregende Pilze, die mich immer in Anspruch nahmen, zum anderen waren die Eichenwälder immer intensivst abgesucht. Aber diesmal wollten wir nicht ohne Matsutake nach hause kommen. Etwas hangaufwärts wachsen ein paar rotbraune Milchlinge (Lactarius rufus?) und ein gelbfüßiger Röhrling (Boletus chrysopedes). Besser als Dornensträucher! Wie ich mich auf dem Boden breit mache um ein Foto des Röhrlings zu machen, blinzelt mich ein braunes Auge im Moos an. Das könnte doch…., schnell fühle ich den kleine Pilz im Moos ab und ja, da ist ein fester länglicher Fuß fast so breit wie der "Kopf". Pflücken will ich ihn noch nicht, er muss ja erst in situ photographiert werden, also rieche an dem Knopf und ah!, eindeutig, da ist der unverkennbare Geruch des Matsutake. Endlich habe ich einen Matsutake in Tibet selber gefunden! Karma schaute mir noch ziemlich verwundert zu als ich mich auf den Boden legte um zu fotografieren, aber jetzt wo ich ihr den Matsutakeknopf zeige, kommt ein breites Grinsen über ihr Gesicht. Einen Moment später ist sie schon dabei sich nach anderen Pilzen um zuschauen und findet glatt zwei weitere Pilze während ich noch meine Fotos mache.
In Karmas Küche mit ihrem 90 jährigen Großvater.

Der Matsutake-Markt
Gemäß chinesischer Quellen (Winkler 2008) wurde der Matsutake-Ritterling bereits vor hundert Jahren tonnenweise von Osttibet nach China exportiert. Allerdings, der gegenwärtige Matsutake-Markt hat sich mit der ökonomischen Liberalisierung in China in den Achtziger Jahren entwickelt. Zunächst wurden noch getrocknete Pilze gehandelt und ihr Preis war nicht viel höher als der Preis der Dutzenden von Speisepilzen, die in Osttibet für den chinesischen Markt gesammelt werden. In der tibetischen Region Kham (heute aufgeteilt zwischen Tibet Autonome Region, Sichuan und Yunnan) wird der Matsutake von Juli bis September gesammelt. Der Wert des Matsutake nahm rasch zu, nachdem japanische Geschäftsleute heraus fanden, dass Japans Lieblingspilz weit verbreitet und billig zu haben war im Südwesten Chinas. Mitte der Achtziger Jahre mussten sich japanische Importeure noch mit getrockneten Pilzen zufrieden geben, aber gegen Ende des Jahrzehnts begannen die ersten Frischpilzexporte via Luftfracht nach Japan. Anfang der Neunziger Jahre entwickelte sich dann ein regelrechter Matsutake-Boom, speziell in Dechen (Diqing), Yunnans Autonome Tibetische Präfektur, der sich bald auch in die angrenzenden tibetischen Regionen Sichuans und der Autonomen Region Tibet ausbreitete. Der Chinesische Export nach Japan beläuft sich auf etwa 2300 bis 3500 Tonnen pro Jahr, wobei aus dem tibetischen Siedlungsgebiet etwa 1200-1800t exportiert werden, aber die Produktion ist noch höher, da auch viel Matsutake in China gegessen wird.

Matsutake werden in den regenreichen Sommermonaten von den meisten Bauern im Verbreitungsgebiet gesammelt und das Pilzeinkommen ist in vielen Gegenden mit produktiven Wäldern von größter Bedeutung. In manchen Tälern kann das Einkommen einer Bauernfamilie, das durch das Matsutakesammeln erzielt wird, leicht sogar das durchschnittliche chinesische Haushaltseinkommen übertreffen, welches in ländlichen Gebieten nur selten erreicht wird! Solche Gunstlagen sind immer reich an Eichenwäldern. Während in Nordost China und in warm-temperierten Lagen Südwest Chinas der Matsutake seinem japanischen Namen - Kieferpilz - treu bleibt und zumeist mit Kiefern vergesellschaftet ist, hat er in den höher gelegenen kalt-temperierten tibetischen Lagen den Sprung zur Eiche vollzogen. Konsequenterweise ist der Matsutake-Riiterling dann acuh bei den Tibetern zumeist als Beshing Shamo, oder kurz Be Sha, als Eichenpilz bekannt. Die Vergesellschaftung mit Steineichen (Quercus semicarpifolia und anderen immergrünen Eichen) ist erstaunlich, da abgesehen von Südost-Tibet, Tricholoma matsutake, immer ein Koniferenmykorrhizapilz ist, ob das nun in Japan, Korea oder Schweden ist. Das gleiche gilt für den nah verwandten Tcaligatum, der im Mittelmeerraum (z.B. Spanien und Marokko) und an der amerikanischen Pazifikküste verbreitet ist, und genauso für den nur im westlichen Nordamerika beheimateten Tricholoma magnivelare.

Eines der Hauptproduktionsgebiete ist Nyachuka (Yajiang). Hier hat sich der mächtige Nya Chu (Yalong) Fluss tief in die Hochplateau - und Berglandschaft Osttibets eingeschnitten. Die steilen Hänge sind oft noch dicht bewaldet und speziell Eichenwälder überziehen die Sonnhänge. Die meisten dieser Eichen wären wohl von Fichten überragt, aber die Fichten sind für Hausbau und Feuerholznutzung gefällt worden oder haben es nach wiederholten Waldbränden nicht mehr geschafft sich zu reetablieren. Die stachligen Eichen dagegen regenerieren sich schnell durch Stockausschlag. Sobald das Feuer erloschen ist oder der Wald der Axt oder Motorsäge zum Opfer gefallen ist, geilen die Wurzelstöcke und so bleibt den Mycorrhizapilzen ihr "Sugar-Daddy" erhalten.

 
Eichenbergwälder hier in den tibetischen Gebieten von Nordwest Yunnan fotographiert

Während der Pilzsaison scheint es, als ob die ganze Bevölkerung täglich in den Wäldern unterwegs ist um Matsutake für japanische Pilzgenießer zu sammeln. In jedem Marktort sind Pilzmärkte anzutreffen, wo es Dutzende von Ständen von An- und Verkäufern gibt. Am morgen sind die Märkte noch recht verschlafen, aber am Nachmittag und Abend geht es zu wie am Jahrmarkt. Die Pilzsammler drängen an die Ankäuferstände um Preise herauszufinden und sich Käufer zu angeln. Die Zwischenhändler versuchen sich die beste Ware zu günstigen Preisen zu sichern. Sammler bringen oft das Tagwerk einer ganzen Familie oder eines Clans in den Ort um sich den langen Weg zu sparen, Zwischenhändler, die die Pilze in den Lagern der Sammler im Wald entlang der wenigen Straßen kaufen, bringen die Frischpilze am Markt, um sie an Großhändler weiter zu verkaufen. Die Pilze werden erst mal von Schutzmaterial befreit, das sind oft riesen Wildrhababerblätter, Moos und speziell Usnea-Flechten. Oft werden nur die wertvollsten Pilze so verpackt, große Matsutake deren Kappen sich noch nicht "gestreckt haben und dessen Velum noch unzerissen ist. Ein einzelner, als perfekt erachteter Matsutake kann in Tokio leicht 100-200€ kosten. Für ein Pfund werden etwa 50 bis 300€ berechnet, der Preis hängt hauptsächlich von der Herkunft ab, nordamerikanische Matsutake sind die billigsten, Japanische die teuersten, dazwischen liegen Matsutake aus Tibet und Korea. Die tibetischen Sammler dagegen erhalten pro Pfund zwischen 2 und 10€, normalerweise so um die 4€. Wenn das so präsentiert wird schaut es aufs erste durchaus so aus als ob die Tibetischen Sammler sehr schlecht davon kommen. Aber man muss sich auch vergegenwärtigen was für eine extreme Herausforderungen der internationale Frischpilzhandel ist. Das fängt mit den etlichen Zwischenhändlern, Vorsortierung und Kühlung im Produktionsgebiet, Kühltransportlastwagen, die in Tibet nur in Sachen Pilzexport verwendet werden an. In Nyachuka wurde mir erzählt, dass ein Dorf sein eigenes kleines Wasserkraftwerk erhalten habe, um in die Lage versetzt zu werden Eis produzieren zu können, so dass die Pilze den zwanzig-stündigen Transport bis zum Flughafen in Chengdu über die kurvigen und gefällereichen Bergstraßen besser überstehen. Wo sonst in der Welt wird ein Dorf elektrifiziert um Pilze frisch zu halten - Tibet Pilzreich! Aber zurück zur Logistik; Nach dem Langstreckentransport werden die Pilze erneut sortiert und gereinigt in gekühlten Hallen nahe der Exportflughäfen. Darauf folgen, Exportzölle und -Formalitäten, teurere Luftfracht, Importzölle, und dann noch die ganze Kette vor dem Verkauf an den Endverbraucher. Da es sich um empfindliche Frischware handelt werden sicherlich immer wieder Pilze verderben, manche Ladungen bleiben hängen und etliches muss wohl weggeschmissen werden. Und dann gibt es noch  Larven und die Konkurrenz. Insgesamt, sind die Pfundpreise der tibetischen Matsutake in Japan oft zumindest das 10 bis 20 fache was ursprünglich in Tibet bezahlt wurde. Aber in Tibet werden für Matsutake auch das zehnfache dessen gezahlt was ein Speisepilz auf dem Markt kostet, der nicht international exportiert wird, sondern vor Ort verzehrt wird oder in China landet. Und somit beklagt sich kein Tibeter über vermeintlich zu niedrige Matsutakepreise aber über die japanischen Pfundpreise weiß aber so gut wie niemand Bescheid. Unzufriedenheit mit dem Preis passiert immer in den Jahren in denen es eine Riesenernte gibt, da verfallen die Preise. Und das tut dann besonders weh, denn endlich holt man den Pilz kraxenweise aus dem Wald und dann bekommt man kaum Geld aber dafür Kreuzweh.

Und das Schwammerlsuchen ist keine leichte Arbeit. Zumeist sind es sehr steile Hänge an denen die Eichenwälder zu finden sind. Auch ist der Konkurrenzdruck um die Dörfer herum speziell stark. Dort sind es zumeist Frauen, die mit Kindern und dem Vieh das nicht auf den Almen ist, zurück bleiben, die in den Wald gehen. Und auch um die Lager, die in den abgelegeneren Sammelgebieten, wie Pilze aus den Boden schießen, ist der Konkurrenzdruck groß. Die meisten Camper sind Männer, aber die Frauenquote dürfte wohl bei einem Viertel oder Drittel liegen. Geht man extra weit ins Hinterland, rentiert es sich wohl umso mehr, aber es ist sehr harte Arbeit durch unwegsame Wälder zu ziehen. Pilzesammeln als Einkommensquelle hat einen sehr anderen Charakter als wenn man die Wälder zur Freud an der Lust durchstreift und dann noch mit einem Pilzmahl belohnt wird. In tibetischen Wäldern kann man auch auf Bären stoßen, eine Begegnung die oft böse für Sammler ausgeht. Ein Matsuatkesammler in Kongpo hatte mir ein hässliche Narbe am Arm gezeigt und erzählt das der Bär das Gesicht seines Freundes übelst zugerichtet hatte. Den Beiden verging die Lust am Matsutake-Sammeln und seit dem spezialisierten sie sich auf Raupenpilz- und Orchideen-Rhizom-Sammlung, anscheinend in Höhenstufen, wo die Bären weniger präsent sind.
In den Sammelgebieten der Autonomen Region Tibet wurden bis vor 3 Jahren alle Matsutake-Ritterling nach Gyalthang, oder auch auf Chinesisch als Zhongdian oder neuerdings als Xianggerila, genau, Sie haben es erraten, Shangrila! bekannt. Die Reise dauerte ein bis zwei Tage und das hat der Qualität der Pilze nicht geholfen. Jetzt hat das moderne Bayi, die Präfekturstadt von Kongpo (= Nyingchi / Linzhi), in der es von Sichuan Han-Chinesen nur so wimmelt wegen des milden Klimas, ihren eigenen Flughafen. Der wurde nicht nur für den Pilzexport gebaut, sondern eher um den Bürokraten und Touristen die Reise in diese wunderschöne Ecke Tibets zu erleichtern, aber Pilze und Medizinpflanzen sind weiterhin das Hauptexportgut, allerdings lebt die Präfekturverwaltung zu über 90% von Subventionen und der Tourismus trägt noch etwas zum Einkommen bei. Mit dem Bau des Flughafens wurden auch Exportgenehmigungen an ortsansässige, aber zumeist von Nicht-Tibetern betrieben Firmen abgegeben, um die ländliche Wirtschaft anzukurbeln. Zuvor wurden solche Lizenzen nur an Firmen in Yunnan und Sichuan vergeben. Matsutake, genauso wie der Raupenpilz, sind in China als Klasse 2 geschützt, was keine Einschränkung der Sammeltätigkeit nach sich ziehen muss, aber einen spezielle Exportlizenz vorschreibt. In den meisten Gebieten bedürfen Sammler keiner Lizenz, speziell wenn sie einheimisch sind. Matsutakehändler dagegen müssen zum Beispiel in Kongpo lizenziert sein. Es gibt ein paar Schutzauflagen, so sollte der Pilz nicht kleiner als 6 cm sein, mancherorts auch 10cm, was schnell mit einem Metallring dieser Grösse überprüft werden könnte. Aber diese Regulierungen werden zumeist nicht eingehalten, und viele der Pilze, die diese Mindestgrößen überschreiten, sind noch immer viel zu klein um Sporenproduktion zu garantieren. Matsutake-Ritterlinge sind grosswüchsige Pilze, im ausgereiften Stadium erreichen sie im Durchschnitt 10 bis 20 cm, manchmal auch 25 cm. Zudem fußen Matsutake auch immer im Mineralhorizont des Bodens und oft ist die Humusauflage höher als 6 cm und ein Pilz öffnet sich erst wenn er weit genug über dem Boden ist um Sporenverbreitung sicher zu stellen. Zudem bemühen sich alle Sammler Pilze mit noch geschlossenem Velum, dem Membran, das die Lamellen vor Öffnung des Hutes beschützt, zu sammeln, denn für diese nicht geöffneten Pilze werden viel höhere Preise bezahlt. Japanischen Pilzgenießer sind gewillt deutlich mehr für Pilze mit intakter Membran zu berappen, was auch schon böses Zungen veranlaßt hat dies als "Pädofungophilie" zu bezeichnen. Das ganze wäre nur eine Fußnote wert, würde die Sammlung der Jungpilze sich nicht negativ auf die Nachhaltigkeit auswirken. Zum einem führt diese Nachfrage zur Suche nach Jungpilzen, die noch nicht aus der Humusschicht des Waldbodens hervor gewachsen sind, wo bereits ein reiferer Pilz gefunden wurde. Diese Praxis hat fatale Auswirkungen, speziell wenn das frisch exponierte Myzelium nicht gleich wieder sorgfältig abgedeckt wird, sondern ohne Isolation austrocknet und Temperaturextremen ausgesetzt wird. In Nordamerika wurde dafür auch Rechen verwendet, eine Praxis die schnell verboten wurde. Zum anderen reduziert sich der Sporenaustrag und neueste Forschung in Sachen genetischer Vielfalt von zumindest Amerikanischen Matsutake (Tricholoma magnivelare) in einem kleinem Waldareal hat belegt, dass sich diese zumeist sexuell, d.h. mittels Sporen reproduzieren (Chapela & Garbelotto 2004) und nicht unterirdisch "vegetativ" ausbreiten. Wenn man sich mit Beamten, die an der Entwicklung der Matsutake-Industrie arbeiten oder mit Exporteuren in Tibet spricht, findet man schnell heraus, dass sie alle mit dieser Problematik vertraut sind, und dass Sie gerne vorgeben, dass die vorgeschrieben Mindestgrößen dieses Problem lösen würden. Zudem wird auch immer auf "Propagandakampagnen" hingewiesen, durch die den Sammlern durchaus erfolgreich mitgeteilt wird, Myzelium nicht zu exponieren. Es wird auch darauf hingewiesen keine zu kleinen Pilze zu sammeln, aber das hilft nichts, da für diese höhere Preise gezahlt werden. Der Chef eines der größten Verarbeitungs- und Exportunternehmen in Shangrila erzählte mir mal vor etlichen Jahren, "wir sagen den Bauern immer, dass sie keine kleinen Pilze pflücken sollen, aber sie hören einfach nicht auf uns". Da hat er wohl recht, aber er erwähnt nicht, dass er gleichzeitig höhere Preise bietet für die Pilze, die die "nicht-lernfähigen" Bauern einfach nicht auf hören zu sammeln. Generell wäre der Matsutakeexport sehr einfach zu regulieren; Es gibt nur eine relativ geringe Anzahl von Exporteuren, die alle lizenziert sind und der Luftfrachtexport der Frischware wird zumeist nur in Chengdu und Kunming abgewickelt, somit wäre es höchst einfach die Pilzgröße zu inspizieren und wenn zu kleine Pilze konfisziert würden, lernen die Händler sehr schnell diese nicht mehr anzukaufen. Kurzum, es fehlt der politische Wille in China und auf mögliche Änderungen im Kundenverhalten in Japan brauch ich erst gar nicht einzugehen.
Es stellt sich die Frage, warum spinnen die Japaner so auf den Matsutake-Ritterling, der ursprünglich von dem norwegischen Mykologen Axel Blytt den nicht gerade appetitlichen Namen Armillaria nauseosa 1905 erhielt (Bergius & Danell 2000), was so viel wie "Übelkeit erregender" Ritterling bedeutet? Und auch niemand in Schweden dachte auch nur daran diesen stattlichen weißen Blätterpilz mit sehr festem Fleisch zu essen. Übrigens auch in Tibet und Bhutan wurde (und wird) der Pilzgeschmack nicht unbedingt als eine Köstlichkeit angesehen und er war nur sehr wenigen Leuten als Speisepilz bekannt. Viele Tibeter haben mir erklärt, dass sie nicht verstehen, dass die Japaner so sehr auf dieses "Zeug" stehen. Auch in Nordamerika gibt es viele Pilzfreunde, die den dortigen, sehr ähnlichen Matsutake nicht besonders mögen. Aber mit der Exportnachfrage und dem einhergehend hohen Preis ist der Matsutake schnell zum Luxusprodukt aufgestiegen und wird nun vielerorts als Delikatesse genossen.
Aber das Aroma und den Geschmack des Matsutake als ekelig zu beschrieben ist doch sehr überzogen und eine Beschreibung mit "eigen", oder "stark riechend" wäre etwas passender. Denn der Pilz hat ein sehr würziges Aroma, das auch an Zimt erinnert mit einer fruchtigen Note. Aber von manchen wird das auch als "chemisch" wahrgenommen. Und dazu kommt noch ein Hauch von leicht geschimmelt, oder netter ausgedrückt, fermentiert. Aber dieser Versuch das Matsutakearoma zu beschreiben würde von einem Japaner geschrieben sich sicher viel blumiger lesen. Sehr nahe kommt dem Geruch eine amerikanische Süßigkeit "Red Hots", scharfe Zimtbonbons, wäre da nicht auch die Note von Stinksocke. Chinesen stufen das Aroma auch als harzig ein. Mir wurde des öfteren erzählt, dass generell geglaubt wird, dass das Aroma von der Symbiose mit der Kiefern käme und der chinesische Name "Song Rong" bedeutet auch "Kiefernflaum". Und manche der Chinesen waren ganz erstaunt, wie es möglich sei, dass tibetische Matsutake ihr Aroma entfalten können, wo sie doch mit Eichen verkehren. Als Sammler reicht es aus den markanten Geruch des Matsutake zu kennen um ihn sicher wieder zu erkennen.
In Ganekha, in Bhutan, das auch zum tibetischen Kulturkreis geht, hatte sich eine Dorfvorsteher bei mir beklagt, dass jetzt alle Matsutake exportiert werden würden und die Einheimischen ihn kaum noch zu essen bekämen, da er so wertvoll sei. Bis dahin konnte ich ihm noch folgen, aber ich musste erst nochmal nachfragen bezüglich seiner Hauptsorge. Den diese galt dem Verlust der potenzsteigernden Wirkung für seine Dorfgemeinschaft und ihn. Ich versicherte ihm, dass eine Reduzierung des Matsutakegenusses nicht unbedingt mit einem Verlust der Liebeslust einhergehen muss. Man sollte dem vielleicht anfügen, dass der Matsutake in Bhutan den Spitznamen Po Shamo hat, zu deutsch salopp wohl am trefflichsten als "Pimmelpilz" übersetzt. Aber die bhutanesischen Beamten haben gleich zu Anfang des dortigen Matsutakebooms einen neuen Namen geprägt: Sangye Shamo, Buddha-Pilz. Dieser deutlich unverfänglichere Namen, hat sich gut etabliert und soll darauf verweisen, dass dieser Pilz seinen Segen doch etwas weitreichender spendet.
An jenem morgen im Eichenwald haben Karma und wir wohl zwei Dutzend Matsutake gefunden, die meisten davon aber fand Karma, die sie alle gleich weiter verkaufte. Meine fünf Matsutake aber haben wir mit etwas Reis und viel Genuß zum Abendessen in Karma's Küche verspeist. Karma bratete für uns Geflecktblättrige Purpurschnecklinge (Hygrophorus russula) in Butter und mit Zwiebeln. Wo sonst in "China", wo es traditionell keine Milchwirtschaft gibt, würde irgend jemand Schwammerl in Butter anbraten?
Tibet - Pilzreich!


Quellen:
Bergius, N. and Danell, E. 2000. The Swedish matsutake (Tricholoma nauseosum syn. T. matsutake): distribution, abundance, and ecology. Scandinavian Journal of placeForest Research. 15: 318-325.
Chapela, I. H.; Garbelotto, M. 2004. Phylogeography and evolution in matsutake and close allies inferred by analyses of ITS sequences and AFLPs. Mycologia 96.4: 730-741.
Winkler, D. (2008) The Mushrooming Fungi Market in Tibet exemplified by Cordyceps sinensis andTricholoma matsutake. In: Proc. 11th Seminar of International Association for Tibetan Studies, Bonn 2006. Journal of the Intern. Assoc. Tibetan Studies / JIATS 4: 1-47.
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Gyala Pelri (7294 m), der 2. höchste Berg im Osthimalaja im Juli 2010.
Alle Bilder © Daniel Winkler

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Karma mit einem Matsutake-Ritterling (Tricholoma matsutake)

Ein Matsutake, der gerade aus dem Moos herauswächst. Im Vordergrund wurde das Moos entfernt zur Sichtbarmachung.

Eine Matstuake-Sammlerin im Eichenwald



Matsutake auf dem Markt in Bayi (Nyingchi).


Matsutake-Sammlerlager in Chungba, Landkreis Litang, West-Sichuan, August 1999.


Matsutake Verkauf im Hinterland, in Chungba, Landkreis Litang / Lithang, West-Sichuan, August 1999.


Pilzhändler im fliegenden Einsatz, Chatreng, W-Sichuan). Juli 2007.


Matsutake-Ritterlinge beim Waschen. Dies wird aber nur bei ganz jungen Exemplaren gemacht, bei denen die Lamellen noch nicht exponiert sind. Nyachuka / Yajiang, W-Sichuan). Juli 2007.


Tibetisches Gemälde mit Matsutake in der Mitte umgeben von wunscherfüllenden Juwel, Schneebergen, glücksverheißenden Fischen und Nadelbäumen. Und all die Glückssymbolik wird auf einer Lotosblüte präsentiert, wie sonst normlalerweise ein Buddha. Nyachuka, Ganzi Autonome Tibetische Prefäktur, September 2000.


Ein Tricholoma matsutake wächst aus Kiefernnadeln in Genekha, Bhutan, September 2009.


Ein amerikanischer Matsutake - Tricholoma magnivelare (ehemals auch Armillaria ponderosa), fotographiert nahe Breitenbush Hot Springs in Oregon.


Tibeterinnen verkaufen ihre Beshing Shamu an Händler in Nyachuka, September 2000.


Matsutake im Verkauf in Tokyo. Der Pfundpreis ist leicht bei 100 Eu. Photo: Judith Marcus, August 2008.



Zuerst am Netz veröffentlicht am 15.3.2011
Last edited Thu, 09/20/2012 - 01:33